Leseprobe – Band 1: Rewassor
Der Anfang einer Reise, die alles verändert.
Lies den Prolog und die ersten Kapitel – und entscheide selbst, ob du bereit bist, hindurchzugehen.
Prolog
[-Südhalbkugel Erde, Inselatoll, 10500 v. Chr.-]
»Komm, wir müssen los!«
Lee griff nach Beas Hand und zog seine Gefährtin lachend mit sich aus dem türkisblauen Wasser. Gut gelaunt folgte sie ihm und beide ließen sich von dem heißen Sand unter ihren Füßen zur Eile antreiben, bis sie endlich das rettende Gras im Schatten der Palmen erreichten. So waren die ohnehin wenigen Schritte zu ihrem kleinen Häuschen, unmittelbar am Strand des großen Ozeans gelegen, im Nu zurückgelegt.
»Lass uns rasch noch etwas essen«, schlug Lee vor und warf einen prüfenden Blick auf den Stand der Sonne. »Und dann müssen wir auch schon los.«
»Gute Idee. Wenn wir nur wüssten, worum es sich handelt. Die Einladung zur Versammlung klang dieses Mal sehr geheimnisvoll.«
»Wir werden sehen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es etwas mit dem hellen Lichtschein am Himmel zu tun haben muss. Der Bote unseres Meisters hat zumindest Andeutungen in diese Richtung gemacht.«
Bea hob ihren Blick und schaute blinzelnd in den blauen Himmel. »Das vermute ich auch. Das Licht wird von Tag zu Tag heller. Was mag das zu bedeuten haben?«
Kurze Zeit später fanden sie sich am vereinbarten Versammlungsort ein, dem großen Platz inmitten ihres Dorfes, wo schon rund fünfzig andere Frauen und Männer in Gruppen beieinanderstanden und aufgeregt tuschelten. Bea und Lee kannten viele der Gesichter, denn es handelte sich ausschließlich um junge Pärchen ihrer Siedlungsgemeinschaft und der näheren Umgebung. Einzelne Personen oder Ältere fehlten.
Sofort fiel ihr Blick auf eine kleine Gruppe, etwas abseits der anderen. Die fünf Fremden, die dort zusammenstanden, trugen Kleidung in einer Art, wie sie Bea und Lee noch nie zuvor gesehen hatten. Helle, eng anliegende Anzüge aus einem fremdartigen Material, dazu kräftige Schuhe. Alle waren sie gleichartig gekleidet, groß gewachsen und ihre Körperhaltung zeugte von überlegenem Selbstbewusstsein.
So zogen sie - mehr oder weniger auffällig - die Blicke aller auf sich.
Vor Ihnen, auf dem sandigen Boden, standen merkwürdige Kisten, silbrig glänzend in einer Reihe aufgestellt. Mit ihrer Länge von etwa zwei Schritten reichte ihre Höhe den drei Männern und Frauen bis zur Hüfte. Auf der Oberseite waren unterschiedlichste Schalter und Knöpfe in verschiedenen Farben und Größen zu sehen.
Neben den Fremden stand ihr Meister, der sich mit einem der merkwürdigen Besucher unterhielt. Als er die beiden erblickte, entschuldigte er sich kurz und kam ihnen sogleich schnellen Schrittes entgegen. Dabei wehte sein langer, weißer Bart, der etwa in der Höhe seiner Hüften spitz zulief, etwas zur Seite. Von seinem Haupthaar war nur ein schmaler, schon seit vielen Jahren ergrauter Kranz zurückgeblieben. Der lange Überwurf aus dünnem Leinen, zusammengebunden mit einem doppelläufigen Seil, wehte ebenfalls auf, so hastig kam er herbei.
Bea und Lee erschraken, denn ein deutlicher Schatten lag über seinen Zügen und trübten die ansonsten stets fröhliche, optimistische Ausstrahlung.
Für gewöhnlich kannte ihr Leben hier, in dieser Gemeinschaft, keine größeren Sorgen. Doch sein Blick und die spürbare Anspannung ließen nichts Gutes erahnen. Was hatte das alles bloß zu bedeuten?
»Schön, dass ihr der Aufforderung gefolgt und pünktlich erschienen seid. Wir sind jetzt vollständig und ich werde sogleich etwas sehr Wichtiges zu verkünden haben. Doch lasst euch vorab gesagt sein: Egal was ihr gleich hören werdet, bedenkt stets, dass ihr zu den wenigen gehört, die auserwählt wurden. Ihr genießt das Privileg, jetzt und hier mit dabei zu sein. Vergesst das nicht - keinen Augenblick. Und jetzt schnell, geht hinüber zu den anderen, denn die Zeit drängt.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich von ihnen ab, warf einen kurzen, ängstlich wirkenden Blick zum Himmel und eilte zu den Fremden zurück. Dort angekommen, betrat er das kleine Podium und klatschte in die Hände. Er rief die Anwesenden zur Ruhe und augenblicklich verstummten alle Gespräche. Die Besucher in den seltsamen Gewändern stellten sich ebenfalls neben ihn, wechselten Blicke untereinander und nickten ihm auffordernd zu.
»Mein Lieben, bitte hört genau zu, was ich euch zu sagen habe. Wie ihr seht, haben wir heute Gäste zu Besuch.« Er deutete mit einer ausladenden Handbewegung in Richtung derer, die neben ihm standen. »Sie sind gekommen, um uns zu helfen!«
Erst nach einer kurzen Pause sprach er weiter. »Zu helfen, damit wir überleben!«
Ein Raunen ging durch die Menge, und rechtzeitig, bevor größere Unruhe aufkommen konnte, hob er beide Hände und bat um Ruhe und Aufmerksamkeit. Dennoch musste er sich kurz sammeln, geradeso als wüsste er nicht so recht, wie er fortfahren sollte. »Seit vielen Tagen schon seht ihr alle das seltsame, helle Licht am Himmel. Das ist der Grund, weshalb wir uns hier und jetzt versammelt haben, und worüber ich zu euch sprechen werde ... Zweifelsohne habt ihr bemerkt, dass das Leuchten mit jedem Tag stärker wird. Von unseren Besuchern habe ich erfahren, dass es sich um einen riesigen Stein handelt, sehr viel größer als das Dorf und das Land, auf dem wir leben.«
Ein weiteres, deutlich lauteres Raunen war zu hören.
»Und dieser große Fels wird in sehr kurzer Zeit irgendwo auf unserem Planeten einschlagen und unendliches Elend und Not über uns bringen.«
Das Gemurmel in der Gruppe wurde noch lauter.
»Woher wollen diese Leute das wissen?«, fragte einer der Anwesenden.
Der Meister räusperte sich kurz und sprach dann weiter.
»Es gibt dort oben«, er zeigte in Richtung des Himmels, »noch andere Planeten, ganz ähnlich wie diesen hier. Unsere Besucher kommen von einem solchen und haben Untersuchungen angestellt. Dabei haben sie herausgefunden, dass sie die Flugbahn des riesigen Steins leider nicht in der Art verändern können, sodass er an unserem Planeten vorbeifliegen würde. Daher haben sie beschlossen, uns zu besuchen. Sie sind hier, weil sie ausgesuchten Bewohnern, so wie euch, anbieten möchten, sie zu retten. Und zwar jetzt und sofort.«
Ein erneutes Raunen ging durch die Menge und er musste sich etwas gedulden, bevor er fortfahren konnte, während zwei Möwen - wie stille Beobachter der Szene - ihre Bahnen über die Köpfe hinweg zogen. Und selbst sie, die ansonsten nicht müde wurden, die beruhigende Atmosphäre der Wellen am Strand durch ihr nerviges Krähen zu stören, schienen die Stimmung am Boden zu spüren, schwiegen, und verschwanden lautlos hinter der nächsten Düne.
»Ihr müsst wissen, dass überall auf unserer Welt in diesem Augenblick solche Gespräche stattfinden, an zehn verschiedenen Orten insgesamt. Ihr, die ihr hier vor mir steht, könnt überleben - auf einem anderen Planeten, so schön wie dieser hier, aber ohne die Gefahr, die ihr am Himmel seht ... Diese Bedrohung ist sehr viel schlimmer und fürchterlicher, als ihr euch ausdenken könntet. Denn der große Stein wird mit enormer Wucht irgendwo einschlagen und ein tiefes, riesiges Loch unvorstellbaren Ausmaßes reißen. Wo, ist ganz egal, denn Staub und Asche werden nach oben steigen, und die Sonne für den gesamten Planeten viele Jahre lang verdunkeln. Fällt er in den Ozean, überfluten riesige Flutwellen die Dörfer und Länder, alle Pflanzen werden eingehen, Tiere verhungern und die Menschen der Erde können nicht überleben.«
Sein Gesicht war vor Aufregung gerötet. Die dramatische Schilderung der zu erwartenden Ereignisse nahm in emotional sehr mit und hatte seine Stimme zusehends lauter werden lassen. Erneut rang er nach Luft und sammelte sich. Diejenigen, die ihren Platz in der Menge unmittelbar vor ihm gefunden hatten, erkannten die Tränen, die ihm über die Wangen liefen.
Auf dem Dorfplatz war absolute Ruhe eingekehrt. Niemand flüsterte mehr mit seinem Nachbarn - alle standen erstarrt in Erwartung dessen, was nun wohl folgen würde.
»Ich sage es ganz deutlich: Wenn wir überleben wollen, dann müssen wir unsere geliebte Heimat, die Erde, verlassen. Und zwar sofort. Wer hier bleibt, wird sterben. Ohne Ausnahme!«
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